Plötzlich ist alles anders und den Kindern sind ihre Spielgefährten abhandengekommen. Man kann sich nicht so einfach treffen und ohne Freunde wird es schneller fad. Doch Not macht erfinderisch und Langeweile kreativ.
Jetzt sind neue Spielideen willkommen. Statt kommerziellen Spielsachen könnte einfach mal überwiegend „wertloses Material“ zum Einsatz kommen. Hierbei werden kleine Schachteln, Kartons, Plastikflaschen, Holzstücke, Tücher, Decken, Joghurtbecher oder Naturmaterialen zum Basteln und Bauen verwendet. Alles was nicht niet – und nagelfest ist, ist Spielzeug. Kinder wissen das eigentlich und ist der Bann erstmal gebrochen, wird zu Hause gerne auf diese Weise experimentiert.
Einfallsreich und verspielt werden tolle Ideen geboren und freudvoll der Zweckentfremdung alltäglicher Gegenstände gefrönt:
- Der Staubsauger wird zum Puppentaxi,
- der Wäschekorb zum bequemsten Bettchen, das Teddy je hatte,
- und der immens große Verpackungskarton verwandelt sich urplötzlich in das beste Kinderhaus der Welt. Fein säuberlich werden Fenster und Türen aus der Pappe geschnitten, Decken und Pölster ins Innere gezerrt und die Fassade liebevoll und kunterbunt bemalt. Auf diese Weise entsteht ein unverwechselbares Unikat.
Das Vorbereiten, Verschönern und Gestalten ist dabei oftmals der beste Teil des Spiels. Vielmehr: Es ist das Spiel selbst.
Fördert Langweile Kreativität?
Bunte Knöpfe, Linsen und Bohnen bieten sich zum Sortieren, Legen und Schütten an und wenn im Kaufmannsladen Nüsse und hübsche Muscheln den Besitzer wechseln, werden Kieselsteine gerne als Zahlungsmittel entgegengenommen.
Kinderspiele müssen also nicht immer fix fertig konzipiert sein. Im Gegenteil, Kinder entwickeln aus scheinbar Wertlosem sehr hochwertige Kreationen. Ihrer Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die Einfachheit und Funktionslosigkeit der Materialien inspirieren die Kleinen zu großartigsten Ideen.
Wer sich fragt, ob so simples Spielzeug die Kinder unterfordert, kann beruhigt werden. Die Kinder sind meist sehr eigeninitiativ, hoch konzentriert und eifrig bei der Sache. Vor allem Ausdauer und Fantasie, die bei herkömmlichen Spielen und durch die große Präsenz digitaler Medien vielen Kindern zunehmend abhandenkommt, werden spielerisch zu neuem Leben erweckt.
Unfertiges Material fördert aber nicht nur die Ausdauer und Kreativität:
- es vertieft zwischenmenschliche Beziehungen,
- bietet einen Ausgleich zur reizüberfluteten Umwelt,
- motiviert zur Umsetzung eigener Ideen,
- steht für die Inklusion aller Sinne und ganzheitliches Lernen.
In Anbetracht dieser beeindruckenden Chancen, die es in sich birgt, scheint die Bezeichnung „wertloses Material“ eine maßlose Untertreibung – vielmehr handelt es sich doch um ein äußerst wertvolles Angebot.
Autor:in:
Zur Person: Katharina Wallner ist frei praktizierende Hebamme, Pädagogin und unterrichtet an der Fachhochschule Campus Wien am Studiengang Hebammen. Sie begleitet Familien von der Schwangerschaft bis ins Kleinkindalter. Aktuelle Artikel