Nachwirkungen eines NS-Erziehungsratgebers
Lena liebt große Familienfeste. Aber seit sie selbst Kinder hat, kommt es immer wieder zu Reibereien mit ihren Großeltern, die ihr mangelnde Erziehungskompetenz und mangelnde Strenge vorwerfen. Für die Elterntherapeutin Mag. Teml-Wall entstehen derartige Generationenkonflikte nicht zufällig. Die Schäden durch die nicht kindgerechte Erziehung früherer Generationen wirken noch lange nach.
Der Schatten der Schwarzen Pädagogik
Die Ohrfeige, die die liebe Oma zu Weihnachten der kleinen Frieda verpasste, die beim Essen so zappelig war, dass sie ein Glas Saft umgestoßen hatte, bedeutete dann den Bruch für Lena. Die Oma zeigte sich uneinsichtig: „So viel Tamtam wegen einer Watsche? Das war halt früher so, das hat doch niemandem geschadet.“ Dieses Argument kommt in solchen Situationen gern als Rechtfertigung.
Warum? Erziehung hatte lange den Zweck, der nächsten Generation Religion und Traditionen zu vermitteln und sie auf bestimmte soziale Rollen vorzubereiten. Kinder galten als kleine, unfertige Erwachsene, die noch viel zu lernen hatten.
Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts begann man, die Kindheit als eigenen Lebensabschnitt zu betrachten. Um das Kind entsprechend den gängigen Vorstellungen zu formen, glaubte man, zuerst seinen Willen brechen zu müssen. Entsprechend waren die Erziehungsmethoden häufig wenig zimperlich, der Rohrstock ein klassisches Strafinstrument, sowohl zu Hause als auch in der Schule. In Österreich wurde Gewalt gegenüber Kindern erst 1989 verboten, „körperliche Züchtigung“ in der Schule „schon“ 1974.
Allerdings dachten nicht alle Pädagogen so. Der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi forderte die „ganzheitliche“ Förderung des Kindes und all seiner Fähigkeiten von „Kopf, Herz und Hand“ von frühester Kindheit an. Sein Schüler Friedrich Fröbel gilt als Begründer der Spielpädagogik. Geeignete Spielmaterialien wie Kugel, Würfel und Walze, die man zerlegen und wieder zusammenfügen konnte, sollten in den Kindern das Verständnis von Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten wecken.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand besonders in Deutschland und den USA eine breite Bewegung der „Reformpädagogik“, die gleiche Rechte für alle Kinder forderte und das Kind und seine natürliche Neugier in den Mittelpunkt stellen wollte. Gewalt jeder Art und monotonen Drill lehnte sie ab.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden seine Ideen dann von „ReformpädagogInnen“ wie z.B. Marie Montessori, Emmi Pikler und Alexander Sutherland Neill weiterentwickelt. Die Reformpädagogik sah das Kind als Individuum, dessen kreative Kräfte es durch das „freie Gespräch“ und „Lernen durch Handeln“ zu fördern galt. In Deutschland fanden all diese neuen Ansätze mit der Machtübernahme der Nazis 1933 ein jähes Ende und wurden durch die flächendeckende Erziehung zum manipulierbaren, nützlichen „Volksmitglied“ ersetzt.
Was Österreich betrifft: Im Ständestaat 1934 bis zum „Anschluss“ 1938 wurde ebenfalls massiv in die Bildungslandschaft eingegriffen. Der katholischen Kirche wurde ein starker Einfluss auf das Bildungswesen eingeräumt, das „christliche“ und „vaterlandstreue“ StaatsbürgerInnen hervorbringen sollte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten diese Erziehungsmethoden noch lange nach.
Ein Umdenken erfolgte erst allmählich. Es dauerte, bis sich neue Erkenntnisse durchsetzten. Denn die gab es durchaus: Mit Hilfe der Psychoanalyse versuchte z.B. der amerikanische Psychiater und Kinderarzt Dr. Benjamin Spock die Situation des Kindes zu verstehen.
Neue Theorien wurden aufgestellt. Für die traditionellen Erziehungsmethoden setzte sich der Begriff „Schwarze Pädagogik“ durch. Die Psychoanalytikerin Alice Miller wandte sich von der Psychoanalyse als geeignetem Erklärmodell der kindlichen Entwicklung ab und postulierte eine „Schwarze Psychoanalyse“ analog zur „Schwarzen Pädagogik“.
Die „antiautoritäre Erziehung“ der 60iger und 70iger Jahre versuchte, die Machtverhältnisse zwischen Kind und Eltern umzudrehen und wurde später als ebenfalls nicht kindgerecht kritisiert. Die „Antipädagogik“ der 70iger Jahre wiederum empfahl, die Kinder in ihrer Entwicklung sich selbst zu überlassen.
Einen entscheidenden neuen Anstoß des Verständnisses der kindlichen Entwicklung lieferte der britische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby in den 50iger Jahren mit der Bindungstheorie. Er vertrat die Ansicht, dass Kinder mit einer Verhaltensausstattung geboren werden, die es ihnen von Geburt an ermöglicht, ihr Leben mitzugestalten. Bindung entsteht durch eine komplexe Wechselwirkung zwischen den beteiligten Personen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul schließlich überzeugte in den 90iger Jahren mit seiner These des „kompetenten Kindes“.
Juul definiert vier entscheidende Grundwerte der Erziehung: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung.
Der lange Arm der „deutschen“ Mutter
Von Gleichwürdigkeit kann im 1934 zum ersten Mal erschienen Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil.
Das Kind ist ein lästiges Objekt, dass unmittelbar nach der Geburt in ein Tuch gehüllt „zur Seite gelegt“ und der Mutter nach 24 Stunden das erste Mal zum Stillen „gereicht“ werden soll. So geht es weiter: Strikte Fütterungszeiten, wenn das Kind an der Burst „trödelt“ oder beim Essen „bummelt“, dann Pech gehabt, hungrig ins Bett damit, damit es spuren lernt. Auch ein Klaps kann dem Baby verabreicht werden. Krankheit gilt als Schwäche. Das Krabbelkind wird in die Gehschule verbannt. Zuwendung in jedem Alter gleich Null, stattdessen schreien lassen im dunklen Zimmer. Haarer warnt stets explizit davor, „sich ohne Anlass mit dem Kind abzugeben“.
Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Sigrid Chamberlain, die diesen Ratgeber 1997 analysierte spricht davon, dass Haarer das Kind wie einen lästigen Tyrannen sieht. Dessen Willen gilt es zu brechen, und zwar nach Haarer so: „Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen ,kaltgestellt´ in einen Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert.“
Eine normale Entwicklung des Kindes wird so unterbunden. Statt Sicherheit erfährt es Todesangst. Damit wird eine bindungsunfähige und manipulierbare zukünftige Generation herangezogen, die dem NS – Ideal entspricht: Für die Nationalsozialistin Haarer ist das Kind nur das zukünftige HJ (Hitlerjugend) Mitglied, der zukünftige Soldat oder die zukünftige Soldatenmutter. Das Kind soll keinen eigenen Willen entwickeln, es soll nur blind gehorchen lernen. Was sie impliziert: Das Kind soll keine eigenständigen Bindungen entwickeln können, keine individuellen Freundschaften, sondern nur „Kameradschaft“, seine symbiotische Bedürfnisse sollen nur durch die Naziorganisationen befriedigt werden.
Eine zweifelhafte Expertin
Johanna Haarer verfügte über keinerlei pädagogische Ausbildung und Fachkenntnis. Dafür war sie Parteimitglied der NSDAP. Sie war Lungenfachärztin in München, die aber nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr ordinierte und begann, Ratgeber und Kinderbücher („Mutter, erzähl von Adolf Hitler“) zu verfassen. Haarer war nicht die Erfinderin der „Schwarzen Pädagogik“, aber ihr Ratgeber ist eine Sammlung und Weiterentwicklung der ärgsten Elemente kombiniert mit NS – Ideologie. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist ihre kalte, menschenverachtende Sprache, die Art und Weise, wie sie ihre abstrusen Ideen als „fortschrittlich“ verkauft. Bisherige Ratgeber tut sie verächtlich ab, ohne jemals Quellen zu nennen.
Die erste Auflage von 10.000 Exemplaren war binnen Wochen vergriffen. 1937 waren es bereits 100.000 Stück, bei Kriegsende 690.000 Stück. Haarers Ratgeber diente als Grundlage der flächendeckenden „Mütterschulungen“ der NS-Frauenschaft, des Unterrichts im Fach „Säuglingspflege“ des BDM (Bund deutscher Mädchen) und der „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten für Mädchen“ (NPEAs).
Die treibende Kraft hinter diesen Erfolgen war Haarers Verleger Julius F. Lehmann, Gründer und Besitzer eines der renommiertesten deutschen Medizinverlage – und überzeugter Nazi.
Weitere Auflagen nach 1945
Über die Zeitspanne von 1934 – 1987 (!) gerechnet, wurde eine Gesamtauflage von 1, 2 Millionen Exemplaren erreicht, denn Haarers Werk wurde noch Jahrzehnte nach Kriegsende immer wieder neu aufgelegt. Das war auch deswegen möglich, weil man nicht dachte, dass es bei einem derartigen Thema etwas zu entnazifizieren gäbe. Ein schwerer Irrtum. Es wurden zwar „die Aussagen im Hinblick auf Rassenhygiene und Führerprinzip“ entfernt, „die geistige, körperliche und seelische Erziehung des Kindes bis in die späten 80er Jahre jedoch eins zu eins aus ,Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind´ übernommen“ weist Sarah Mick in ihrer Bachelorarbeit nach. Lediglich die „24 Stunden-Regel“ unmittelbar nach der Geburt wurde gestrichen sowie von der „Stillpropaganda“ abgerückt und stattdessen vor „Stillfanatismus“ gewarnt.
Petra Fischbäck kritisiert in ihrer Magisterarbeit den fehlenden Hinweis auf die frühere Geschichte des Buches, das Copyright in der Ausgabe 1960 ist mit 1951 datiert: „Ideen aus der NS-Zeit konnten so in einer modernen Verpackung“ weiterhin beworben werden. Der Ratgeber behandelt übrigens nicht nur Säuglingspflege und Kleinkindererziehung, sondern auch Schwangerschaft und Geburt. Bei diesen Themen zeigt Haarer mehr Anpassung an neue Entwicklungen, besonders bei weniger gewichtigen Fragen wie Umstandsmode oder Babyausstattung etwa.
Die markantesten Änderungen betreffen die Rolle des Vaters: In der Erstausgabe 1934 wird der Vater gar nicht erwähnt. 1937 wird er nur unter „gesundheitlichen und rassischen Gesichtspunkten“ beachtet. 1953, 1963 und 1978 wird er überhaupt nicht erwähnt. 1987 ist der Vater auf einmal voll präsent, auf dem Cover und in allen Phasen von der Schwangerschaft bis zur Kindererziehung. Sarah Mick bringt es auf den Punkt: Der Vater „durchläuft eine Entwicklung vom Erbanlagenspender hin zum Familienvater„. Diese Änderung geht aber möglicherweise auf Haarers Tochter Anna Hutzel zurück, die diese Ausgabe mitbearbeitete.
Nachwirkungen
Sigrid Chamberlain stellt fest, dass es in Deutschland keine Stunde Null nach dem Untergang des Dritten Reiches gegeben habe, schon gar nicht, was den Umgang mit Kleinkindern betrifft. Sie kritisiert, dass das Verhalten vieler Mütter während der NS-Zeit stark tabuisiert sei: Sie hätten nicht schon ihre kleinen Kinder dem System überantworten müssen. Die Aufarbeitung gestalte sich schwierig. Die Kinder dieser Generation setzten Vieles von dem fort, was sie selbst erlebt hatten, auch weil sie noch keine anderen Muster sahen.
Ingrid Müller-Münch berichtet in ihrem Buch „Die geprügelte Generation“ von vielen Familien, in denen körperliche Gewalt auch in den 50iger und 60iger Jahren noch gang und gäbe war.
Chamberlain attestiert der „geprügelten Generation“ Probleme mit dem Bindungsverhalten, auch gegenüber den eigenen Kindern. Körperliche Nähe und das Zeigen von Gefühlen seien als problematisch empfunden worden, die Berührung der alten Mutter oder das Berührt werden durch sie als ekelerregend. Die „68iger Eltern“ versuchten dann andere Wege.
Was bleibt, ist ein Generationenproblem wie das, was Anna mit ihren Großeltern erlebt: Man versteht einander nicht, es gibt keine Einsicht. Allerdings gibt es auch VertreterInnen dieser Generation, die sehr wohl über ihr früheres Verhalten nachdenken und darüber sprechen. Anna wünscht sich so einen Dialog, weiß aber nicht, ob er jemals zustande kommt. So beschließt sie, das Problem nach und nach mit Hilfe von „Ent-Elterung“ zu lösen, einer Methode, Bezugspersonen aus der Eltern/Großelternrolle zu entlassen und sich selbst aus der Rolle des Kindes und so einen neuen Umgang miteinander zu finden.
Was bedeutet „Pädagogik“?
Der Begriff „Pädagogik“ stammt aus dem Griechischen. παιδαγωγία „paidagōgía“ bedeutet Führen eines Kindes, erziehen, unterrichten, Pflege.
Quellen
- Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Erste Auflage 1934, Lehmann Verlag München
- Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher. Psychosozial-Verlag Gießen, 7. Auflage 2020
- Petra Fischbäck: Zum Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer. Magisterarbeit. GRIN Verlag, München 2010
- Sarah Mick: Johanna Haarer – Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Eine Textinterpretation im systemischen Wandel. Bachelorarbeit. GRIN Verlag, München2010
- Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. Klett-Cotta, Stuttgart. Dritte Auflage 2012
- Spielpädagogik: https://friedrich-froebel.froebel.info/paedagogik/froebel-paedagogik
Rechtslage
Autor:in:
Zur Person: Mag. Elisabeth Sorantin hat Sprach- und Literaturwissenschaften studiert und sich vor allem auf die Vermittlung von komplexen Sachverhalten in einer allgemein verständlichen Sprache spezialisiert. Aktuelle Artikel